
An der Südost-Ecke der Kapelle steht der besterhaltene, obwohl auch schon zwei Jahrhunderte alte Grabstein. Seine Größe und besonders auch die Aufmachung, in der er sich präsentiert, lassen darauf schließen, dass der Hinterbliebene ein wohlhabender Mann gewesen sein muss. Der Steinmetz, der den Stein gestaltete, muss aber auch ein Meister seines Handwerks gewesen sein, das zeigt sich sowohl im künstlerischen Gesamteindruck wie auch besonders im Detail, in der Ausführung der Schrift ebenso wie in dem unendlich vielfältigen Dekor. Auch hier übrigens ein kleiner Totenkopf auf der linken Seite, auf der rechten gegenüber ein Stundenglas, beides den Lebenden zur Mahnung: Die Zeit verrinnt, der Tod steht am Ende, wenn die Uhr abgelaufen ist. Die Schrift ist erstaunlich gut erhalten, sie ist nur dort etwas verwischt, wo vor etlichen Jahren das Regenwasser von der undichten Dachrinne genau auf den Stein herabtropfte.
Die Inschrift lautet:
Der treuen Gattin und der zärtlichen Mutter weyland Frau Helena Elisabetha Amosin geb. Benderin welche den 31. August 1777 im 62. Jahr Ihres Alters und im 34. Jahr Ihres in Friede geführten Ehestandes in Ihrem Erlöser seelig entschlief und Den 1. Sept. darauf zur Ruhe gebracht wurde
Wir deren diesen Leichenstein zum beweis Eines immer blühenden angedenckens an Ihre eheliche Liebe und Treue und zum Zeichen einer unaufhörlichen danckbarkeit vor alle Mütterliche Sorgfalt u. Zärtlichkeit der hinterlassene Wittwar Georg Friedrich Amos Anwald allhier und deselben Kinder
Die verstorbene Helena Elisabetha Amos stammte aus Nordheim und war eine Tochter des dortigen Schultheißen Bender (die auf der Grabinschrift zu lesenden Namen Amosin und Benderin erklären sich aus der bis ins 19. Jahrhundert üblichen Gewohnheit, an den Namen des Mannes die Silbe –in anzuhängen). Sie war in erster Ehe mit dem Schwaigerner Matthias Wucherer verheiratet, von dem noch zu reden sein wird. Wucherer war 1742 gestorben und hatte einen vierjährigen Sohn hinterlassen. 1743 heiratete die Witwe den Georg Friedrich Amos. Amos war ein Sohn des Meimsheimer Schultheißen und von Beruf Metzger und später Schultheiß in Schwaigern (auf dem Grabstein steht „Anwald“, was dasselbe bedeutet). Er war Kronenwirt und gleichzeitig Pächter der gräflichen Güter in Schwaigern und Neipperg.
Karl Wagenplast hat einmal zusammengestellt, was das Heiratsgut der beiden war: Amos brachte 1.229 Gulden als Heiratsgut und 186 Gulden Bargeld. Fast noch interessanter ist der Kleiderschatz, den er mitbrachte. Das geht an mit einem „Neu schwarz Kleid in Rock und Camisohl“ bestehend, im Wert von 18 Gulden und geht über Mantel, barchentne Brusttücher und seidene Strümpfe, Hut, Kappen, Hemden, Stiefel, Pantoffeln, Schnupftücher, Messer und Gabeln bis hin zu „ein Metzger Stahl“ im Wert von einem Gulden 12 Kreuzer. Alles zusammen war knapp 200 Gulden wert.
Die Ehefrau Helena Elisabetha brachte einiges mehr mit: Aus erster Ehe über 15.000 Gulden, von denen allerdings zwei Drittel dem Kind als Erbe gehörten, aber ihr Anteil betrug immerhin 5.579 Gulden. Als sie 1777 starb – von ihren acht Kindern aus zweiter Ehe überlebten sie nur drei – hinterließ sie ein Gesamtvermögen von 47.257 Gulden. K. W. bemerkt dazu: „Es war das bisher größte in der Geschichte der Schwaigerner Untertanen“. Übrigens: eine direkte Nachfahrin von ihr lebt in Schwaigern.
Die Ansammlung dieses Riesenvermögens hing sicher zu einem erheblichen Teil damit zusammen, dass Amos einen schwunghaften Weinhandel ins Oberland und in den Schwarzwald betrieb. Er hatte zuletzt – laut K. W. – 460 Eimer Fassraum im Keller (1 Eimer = 300 l). Das größte Fass hielt 26 Eimer, also fast 8.000 Liter! Bei seinem Tod lagen von dem guten Jahrgang 1798 noch 70 Eimer im Keller; der Eimer wurde zu 100 Gulden verkauft (der 1799er, ein Durchschnittsjahrgang, brachte vergleichsweise nur 32 Gulden je Eimer).
Am Hindenburgplatz 8 steht das prächtige Haus, das Amos erbaut hat, das frühere Gasthaus „Zur Krone“. Es fällt heute noch als typisch barockes Bürgerhaus auf, um so mehr, seit es in den letzten Jahren mit viel Aufwand und gutem architektonischem Stilgefühl gründlich renoviert wurde. Der Schlussstein über der Hofeinfahrt zeigt die Initialen des Erbauers: G. F. A. 1769.
Noch eine Bemerkung zu den Kindern:
Der älteste Sohn Christoph Friedrich Amos wurde nach dem Tod seines Vaters Georg Friedrich im Jahr 1799 sein Nachfolger als Schultheiß. Er machte sich 1805/06, als napoleonische Truppen in der Gegend waren und viele Unannehmlichkeiten zu ertragen waren, sehr um die Gemeinde verdient und erhielt – zusammen mit seinen Söhnen – ein Dankschreiben der Gemeinde. K. Wagenplast hat diese Anerkennung ausgegraben:
„Dem Herrn Stadtschultheiß Amos wird im Namen ganzer Gemeinde der wärmste Dank für seine zum besten der Gemeinde … bewiesene unermüdete Tätigkeit bezeugt, den beeden Herrn Söhne … wird unter gleichmäßig bester Verdankung … eine Belohnung von 4 Carolinen überreicht“ (1 C. = 11 Gulden).
Das hinderte aber nicht daran, dass 1811 nach der Brandkatastrophe Christian Friedrich Amos von seinem Amt abberufen wurde. Vermutlich hatte man ihm eine Mitschuld an den unzureichenden Löschmöglichkeiten gegeben. Der wirkliche Grund für seine Absetzung ist nirgends zu erfahren.
Der anfangs erwähnte Matthias Wucherer war von Beruf Wagner, Bürger und Ratsherr. Er erbaute 1740 das sogenannte „Herrengräsle’sche“ Haus am Hindenburgplatz. Er war ebenfalls ein steinreicher Mann. Die Niederschrift über die Erbteilung nach seinem Tod 1742 umfasst im Protokollbuch 23 Seiten. Aufgeführt sind dort seine Liegenschaften – auch Besitz auf Neipperger, Gemminger und Massenbacher Markung – Bargeld, „Kleinodien und Silbergeschmeid“, Kleider, Bettzeug, Wagner-Handwerkszeug, Küchengeschirr – fein sortiert nach Messing-, Zinn-, Eisen-, Kupfer- und Blechgeschirr; Fass- und Bandgeschirr, Fuhr- und Bauerngeschirr…
Wucherer sei seinerzeit der reichste Bürger Schwaigerns gewesen.

