Karl Wagenplast

Der Heimatforscher (1904 -1978)

Karl Wagenplast war schon im Kindesalter ein Forscher: Als er den Inhalt eines Wasserfasses erkunden wollte, fiel er kopfüber hinein und wäre ertrunken, hätte ihn nicht ein Schulkamerad herausgezogen.
Aktiver Turner im Sportverein, Mitglied im Kriegerverein und dort mehrfacher Schützenkönig bei Schützenfesten, Radio-Fan schon Anfang der 1930er Jahre und Besitzer des ersten in Schwaigern verkauften Radiogerätes; Funker und dabei verantwortlich für Lautsprecher-Anlagen bei Radio-Übertragungen von Großveranstaltungen vor dem Krieg. Panzergrenadier im Krieg.
Karl Wagenplast bei der Arbeit
Hauptberuflich war er zunächst Landwirt und Weingärtner, Selbstbearbeiter und Selbstvermarkter seiner mehrere Hektar großen Weinbergflächen und dem entsprechend großen Fassraum im Keller: 12.620 Liter.
Um beim Weinausbau „up to date“ zu sein, beschaffte er sich eine Reihe Fachbücher und wurde auf diesem Gebiet zum erfolgreichen Autodidakten.
Aber über den aktuellen Weinanbau und -ausbau hinaus interessierte er sich für die geschichtlichen Hintergründe, für die Suche nach den Quellen, die es ihm in allen Bereichen seines Lebens angetan hatten. So verfasste er eine ausführliche Darstellung über die Geschichte des Weinbaus in unserer Gegend seit dem urkundlich ersten Eintrag im Jahr 976.
1957 verpachtete er seine Äcker, um sich mehr auf seine Weinberge und vor allem auf sein Lieblingsgebiet, die Stadtgeschichte und die Archäologie konzentrieren zu können.
Schriftliche Quellen waren ihm wichtig, schriftliche Unterlagen über die Geschichte Schwaigerns. Und die waren in erster Linie im städtischen Archiv zu finden. Schon 1941 versuchte er Ordnung in die verstaubten Akten zu bringen und größere Registratureinheiten zu schaffen. Im Archiv lagern 72 Bände an Bürgermeisterrechnungen aus den Jahren 1641 bis 1819 mit je über 100 Seiten, außerdem Stadtpflegerechnungen bis 1951 in nochmals über hundert Einzelbänden, Gemeinderatsprotokolle, Steuerbücher, Ruggerichtsprotokolle, Inventuren und Teilungen, hier allein 250 Vorgänge, Kaufbücher mit Einträgen über Kauf und Verkauf von Liegenschaften, die er alle durchforstet hat.
Und das Ergebnis? In 12 gebundenen DIN-A4 – Heften mit jeweils über hundert Seiten hat er alles herausgeschrieben, was ihm wichtig erschien und was heute bei jeder Arbeit über Fragen zur Schwaigerner Geschichte ungeheuer hilfreich ist.
Zur Erforschung der Quellen gehörte für ihn auch die Frage der Herkunft seiner Familie, die er bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen konnte.
Die Suche erweiterte er auf andere Familien, auch Auslandskontakte ergaben sich daraus. Viele Menschen aus Österreich, Dänemark und den USA schrieben an ihn, weil er Stammbäume zusammengesucht hat.
Bei der Suche nach der Herkunft einer im Zuge der Gegenreform aus dem Salzburger Land zugereisten Familie stieß er in einem Atlas auf den Ortsnamen Schwaigern. Daraus entstand zunächst ein Briefkontakt, dann persönliche und Vereinskontakte mit der Gemeinde Pöndorf-Schwaigern und schließlich 1988 die Partnerschaft, die heute noch sehr rege unterhalten wird.
Bei seiner Beschäftigung mit Geheimnisvollem, Unerklärbarem befasste er sich mit aller möglichen Literatur, darüber auch über Wünschelrute und Erdstrahlen. Mit einem Freund, der ein entsprechendes Medium war, ging er öfter auf die Suche nach Wasseradern und Hohlräumen.
1955 war man von städtischer Seite auf der Suche nach Trinkwasser. Die beiden fanden im Freibadgelände einen günstigen Punkt, die Bohrung konnte mit Erfolg durchgeführt werden.
1968 verpachtete er auch noch seine Weinberge, um sich voll und ganz auf sein immer mehr zum Beruf gewordenes Hobby, die Archäologie, konzentrieren zu können. Schon zehn Jahre früher war er beim Pflügen auf Scherben im Bereich des Dinkelbrunnens aufmerksam geworden und stieß bei Nachgrabungen auf Mauerreste. Daraus entstand dann sein erstes Großprojekt, die Ausgrabung einer Anlage mit mehreren Gebäuden, die er als römische Pferdewechselstation bezeichnete. Die Aussiedlerhöfe, die dann in den 1960er Jahren entstanden, werden deshalb Römerhöfe genannt.
Bei der Oberen Mühle fand er einen Gutshof und einen Kanal von 375 m Länge, der diese villa rustica mit Trinkwasser versorgte, dann einen römischen Gutshof am Rohnsbach, einen solchen am Hasenberg, eine Ansiedlung am Schreckenbach. Und überall Scherben, Scherben, zum Teil auch erhaltene Amphoren, viel römisches Tafelgeschirr. Alles wurde fein säuberlich registriert, gereinigt und aufbewahrt in Dutzenden von Schubladen in seiner Küche.
Dass unser Gebiet auch schon vor den Römern dicht besiedelt war, wusste man. Und so stieß er auch immer wieder auf jungsteinzeitliche Spuren, so im „Bäldesten“ auf ein bandkeramisches Erdwerk mit menschlichen Skeletten; woanders auf Steinbeile, Knochenwerkzeuge, Keramik…
Dazu kamen Funde aus der Keltenzeit, aus der Bronze- und Eisenzeit.
Vier-Skelette in St.-Veits-Kapelle
Und schließlich das wohl wichtigste Großprojekt: der Leidensberg. Ab 1970 machte Wagenplast sich an umfangreiche Grabungen und Untersuchungen. In deren Verlauf entdeckte er eine große Anzahl von baulichen Überresten und Funden aus der abgegangenen Siedlung „Alt-Schwaigern“, darunter auch die Reste der gesuchten St.-Veits-Kapelle. Diese und die dazugehörigen Gebäude stammen nachweislich aus der Merowingerzeit, also aus der ersten Ansiedlung Schwaigerns Ende des 6. Jahrhunderts. In der Kapelle, die bis nach dem Dreißigjährigen Krieg noch existierte, wurden vier menschliche Gerippe gefunden. Aus einem Luftbild und einer Umzeichnung konnte der gesamte Umfang des Areals festgestellt werden.
Dies war sein größtes Projekt, an dem er bis kurz vor seinem Tod arbeitete. Und es ist für die Geschichte der Besiedlung Schwaigerns von enormer und nicht zu unterschätzender Bedeutung.
Bestattungsplatz aus der Merowingerzeit
Aufgrund seiner großen praktischen Erfahrung und seines theoretischen Wissens, das er sich angeeignet hatte, fühlte er sich in der fachlichen Beurteilung fast aller seiner Funde auch wissenschaftlich kompetent. Wenn er einmal von etwas überzeugt war, dann ließ er sich nicht mehr davon abbringen. Dies führte oft zu hitzigen Debatten mit den Wissenschaftlern des Landesdenkmalamtes, vor allem, wenn er sie von einem Fund erst benachrichtigte, wenn er eine Ausgrabungsstelle schon „abgeräumt“ hatte. Trotz alledem war er viele Jahre lang offizieller Mitarbeiter des LDA.
Eine große Ehrung für seine Verdienste durfte er 1966 erfahren, als ihm bei der 1200-Jahr-Feier die Ehrenmedaille der Stadt überreicht wurde. Nach seinem Tod wurde eine Straße im Leidensberg nach ihm benannt.
Sein zuletzt höchstes Ziel war die Einrichtung eines Heimatmuseums zur ständigen Ausstellung der vielfältigen und wertvollen Funde.